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BAD REICHENHALL (ml) – Rettungskräfte und Alpin-Experten von Bundeswehr, Bergwacht, Justiz, Polizei und Bergsport-Verbänden haben beim dritten Symposium für Alpine Sicherheit im Alten Königlichen Kurhaus in Bad Reichenhall zwei Tage lang in Vorträgen und Diskussionen sowie bei einer eindrucksvollen Schauübung im Dolomitwerk Oberjettenberg ihre Erfahrungen ausgetauscht und über aktuelle Fragen des Alpinrechts und Tendenzen in der Ausbildung und Ausrüstungsentwicklung diskutiert.
Mehr Sicherheitsbewusstsein in der alpinen Ausbildung
Das von der Stadt Bad Reichenhall, der Gebirgsjägerbrigade 23, der Justiz, der Bergwacht und der Polizei bereits zum dritten Mal veranstaltete Symposium führt Fachleute aus dem deutschen Sprachraum mit dem Ziel zusammen, das Sicherheitsbewusstsein und Risikomanagement in der alpinen Ausbildung der Verbände und Organisationen weiterzuentwickeln und die Unfallzahlen am Berg zu minimieren. Die Tagung thematisierte auch vor dem Hintergrund zahlreicher tödlicher Lawinenunfälle im vergangenen Winter speziell die Sicherheit im winterlichen Gelände und widmete sich Rettungseinsätzen und Großschadenslagen im Gebirge, wobei auch der schwierige Einsatzauftrag der Bundeswehr im Hochgebirge in Afghanistan und am Balkan dargestellt und Konsequenzen diskutiert wurden. Für breiten fachlichen und juristischen Widerspruch der Experten sorgt überdies eine neue Europäische Norm zum Bau und Betrieb von Hochseilgärten hinsichtlich der nach einhelliger Ansicht zu niedrig festgesetzten Altersgrenzen von Kindern in Bezug auf Aufsichtspflicht und Eigenverantwortung.
„Trotz Finanzkrise boomt derzeit die Outdoor-Branche, insbesondere der Bereich Bergsport ist Modesport geworden, wobei die Erholungssuchenden besser ausgerüstet sind als je zuvor, oft aber zu wenig alpine Erfahrung haben, sich selbst überschätzen, leichtsinnig handeln oder ihr Equipment falsch bedienen“, sagte Ministerialdirektor Hans-Werner Klotz, Amtschef im Bayerischen Justizministerium, der in Vertretung von Schirmherrin Dr. Beate Merk die Grußworte sprach. Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner und Brigadekommandeur Oberst Johann Langenegger eröffneten das in Fachkreisen mittlerweile als feste Größe etablierte Symposium und stellten seine besondere Bedeutung heraus – Langenegger: „Es geht um mehr Sicherheit und um Menschenleben. Unser Ziel muss es sein, alles daran zu setzen, bei Unfällen, unabhängig von der Frage der Vermeidbarkeit, Größe und Umfang, richtig zu handeln – und das gemeinsam, wobei wir alle gefordert sind.“
Neue Rolle der Bergwacht bei Großschadenslagen
Im Rettungseinsatz müssen Entscheidungen von erheblicher Tragweite oft innerhalb von wenigen Sekunden getroffen werden. Der Leiter der staatlichen Feuerwehrschule Geretsried, Dr. Christian Schwarz und der Justiziar der Bergwacht Bayern, Klemens Reindl stellten zu Beginn des Symposiums in ihren Vorträgen die durch mehrere Großschadenslagen der vergangenen Jahre veränderte Rolle der Bergwacht im komplexen Hilfeleistungssystem bei Großschadenslagen und Katastrophen dar. Die Bergwacht ist regulär für den Rettungsdienst im alpinen Gelände eigenverantwortlich zuständig, ist hingegen bei Großeinsätzen als besonders leistungsfähiger Fachdienst innerhalb des Rettungs- und sanitätsdienstlichen Verbundes angesiedelt und direkt der Sanitätseinsatzleitung mit dem Leitenden Notarzt und dem Organisatorischen Leiter unterstellt.
Geschwindigkeit, Alkohol und Helm auf der Skipiste
Die Polizei muss pro Jahr nach Angaben von Peter Holzner, dem Leiter des Fortbildungsinstituts der Bayerischen Polizei mehrere hundert Wintersportunfälle aufnehmen, von denen einige auch tödlich enden. Während die Gesamtunfallzahlen leicht rückläufig sind, haben die Kollisionsunfälle während der vergangenen Jahre stetig zugenommen, da Pisten mit Carving-Ski oder per Snowboard entgegen den FIS-Pistenregeln gequert werden. Neben der Beweissicherung und Dokumentation gehört die Prävention zu den Hauptaufgaben der Beamten. Der Alpinbeauftragte der Bayerischen Polizei, Peter Wiesent beobachtet seit Jahren den zunehmenden Alkoholkonsum auf der Piste und misst per Radar die Geschwindigkeiten von Skifahrern, die im Schnitt mit zwischen 30 und 50 Kilometern pro Stunde unterwegs sind und Spitzengeschwindigkeiten von weit über 80 erreichen. Wiesent: „Ich befürworte den aktuellen Skihelm-Trend, bin aber weder ein Verfechter der Helmpflicht noch von Geschwindigkeitsbegrenzungen im Wintersport. Entscheidend ist, dass mittlerweile das Sicherheitsbewusstsein in der Ausbildung der Verbände wächst. Trotzdem wird vom Einzelnen aber oft noch zu wenig Risikomanagement betrieben.“ Da sich die Skipiste schnell verändert, ist es für die Polizei besonders wichtig, zur Beweissicherung möglichst rasch am Unfallort einzutreffen und auf Übersichtsaufnahmen von Zeugen zurückgreifen zu können.
Abseits gesicherter Pisten: Optimaler Erlebniswert bei kalkulierbarem Risiko
Variantenfahren, also Freeriding abseits gesicherter Pisten erfreut sich trotz Lawinen- oder Absturzgefahr zunehmender Beliebtheit, wobei die Erwartungshaltung und Motivation der Skifahrer meist grenzenlos ist. Variantenfahren unterscheidet sich von Skitouren dadurch, dass der Skifahrer mit Bahn, Lift oder Helikopter zum Ausgangspunkt der Skiabfahrt außerhalb von Pisten befördert wird. „Die Teilnehmer haben aber kaum Gefahren- und Risikobewusstsein und oft wenig Verständnis für das alpine Gelände. Ein guter Bergführer ist deshalb ein Motivator mit funktionierendem Bremskraftverstärker“, sagte Peter Geyer vom Verband der staatlich geprüften Berg- und Skiführer. Er misst der richtigen Geländeauswahl und dem Notfalltraining größte Bedeutung zu. Geyer: „Unser Ziel ist ein optimaler Erlebniswert bei kalkulierbarem Risiko, das aber nie ganz ausgeschaltet werden kann. Ohne eine gewisse Eigenverantwortung der Teilnehmer geht es nicht.“
Seit 25 Jahren gibt es laut Wolfgang Pohl, dem Präsidenten des Skilehrerverbands eine Variantenausbildung für Schneesportlehrer; das Curriculum ist nach dem Grundsatz „Sicherheit vor Erlebniswert“ ausgerichtet und will das Restrisiko so klein wie möglich halten. Pohl: „Wir Skilehrer können unseren Schülern die Techniken für das Tiefschneefahren und ein Notfalltraining vermitteln; ein Bewusstsein für die alpinen Gefahren entwickelt man beim Berg- und Skiführer.“
Variantenskilauf aus Sicht der Juristen – Unterschiedliches Recht in den Alpenstaaten
„Haben die Beteiligten von Skiunfällen ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort in Deutschland, so gilt das deutsche Zivilrecht; strafrechtlich muss man sich jedoch immer mit der oft abweichenden fremden Rechtsordnung des Landes auseinandersetzen, in dem sich der Unfall ereignet hat“, erklärte der ehemalige Präsident des Traunsteiner Landgerichts, Dr. Klaus Weber, der in seinem Vortrag anhand aktueller Urteile der letzten Jahre die rechtlichen Unterschiede und oft harten Gerichtsentscheidungen zu Unfällen und Zwischenfällen beim Variantenfahren in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien gegenüberstellte. Während es in Deutschland zum Variantenskifahren keine gesetzlichen Regelungen gibt, reagieren Österreich, Italien und die Schweiz bei Sorgfaltspflichtverstößen mit Haft- und Geldstrafen sehr streng.
90,9 Prozent der noch sichtbar von einer Schneelawine Verschütteten haben überlebt; in 98 Prozent der Fälle führte ein aktivierter Lawinen-Airbag zur noch sichtbaren Verschüttung. Weber spricht sich deshalb klar für eine Sicherheitsausrüstungspflicht beim Variantenfahren aus, wie sie im europäischen Ausland teilweise üblich ist: „Im nicht organisierten Skiraum besteht keine Verkehrssicherungspflicht für Pistenbetreiber. Die komplette Sicherheitsausrüstung muss abseits der Piste zwingend mitgeführt werden!“
Pit Schubert erzählt von ungewöhnlichen Alpinunfällen & von den Freuden und Leiden eines Trekkers im Himalaya
Mit viel trockenem Humor und Insider-Wissen berichtete am ersten Abend der Fachtagung der Alpin-Sachverständige und bekannte Sachbuchautor Pit Schubert in einem gut besuchten öffentlichen Vortrag aus seiner ganz individuellen Perspektive von den Freuden und Leiden eines Trekkers im Himalaya, wobei er die Fotos seiner Touren am Dach der Welt aus den vergangenen 40 Jahren zu spaßigen Kurzgeschichten kombinierte. Im Rahmen des Symposiums stellte der ehemalige Präsident der UIAA Sicherheitskommission ungewöhnliche und vermeidbare Alpinunfälle der letzten Zeit vor; sein Fazit: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“
Schwieriger Bundeswehr-Auslandeinsatz im Hochgebirge: Alpin-Crashkurs und nicht mehr zeitgemäße Ausrüstung
Während vor wenigen Jahren die Notwendigkeit von Heeresbergführern bereits angezweifelt wurde, setzt die Bundeswehr mittlerweile aufgrund der neuen Anforderungen bei ihren Stabilisierungsmissionen im Ausland wieder massiv auf die Ausbildung von Rettungsspezialisten. Major Johannes Schwegler und Hauptmann Simon Kraus von der Gebirgs- und Winterkampfschule der Bundeswehr in Mittenwald berichteten in ihren spannenden Vorträgen von der harten Einsatzrealität der heimischen Soldaten am Balkan und im Hochgebirge von Afghanistan. „Da zu den alpinen Gefahren stets die militärische Bedrohung kommt, müssen unsere Leute Angst um ihr Leben und das ihrer zu Führenden haben“, erklärte Schwegler. Zudem seien sich die Soldaten aus dem Flachland der alpinen Gefahren nur wenig bewusst; in einem einwöchigen Lehrgang werden bisher bergunerfahrene Soldaten auf den Einsatz im Hochgebirge vorbereitet. Einen amtlichen Lawinenwarndienst gibt es in Afghanistan nicht, wo 4.500 deutsche Soldaten für ein Gebiet zuständig sind, das so groß wie Dänemark ist, aber durchschnittliche Höhenlagen zwischen 2.000 und 3.000 Metern aufweist. „Es besteht stets Absturzgefahr für Mensch und Material, unsere Bergefahrzeuge sind für die engen, steilen und teils verschütteten Straßen aber zu groß und die maximale Operationshöhe unserer derzeit acht Großraumhubschrauber vom Typ CH53 endet bei 2.900 Metern, weshalb die Soldaten bei Rettungs- und Bergeeinsätzen oft längere Zeit auf sich gestellt sind. Wir haben derzeit auch keinen Hubschrauber mit Rettungswinde in Afghanistan“, berichtete Kraus.
Wegen Höhenkrankheit fallen die meisten Soldaten aus
„40 Prozent aller Soldaten im Auslandseinsatz fallen trotz militärischer Auseinandersetzungen aufgrund alpinmedizinischer Gefahren aus, wobei die Höhenkrankheit die Hauptrolle spielt“, weiß Oberstabsarzt Dr. Markus Tannheimer vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm, der auf einen Schnelltest hofft, mit dem in naher Zukunft die am besten akklimatisierten Soldaten identifiziert werden sollen. Im Gegensatz zum zivilen Bergsteigen sind die Soldaten nicht nur für wenige Stunden, sondern mehrere Wochen lang in Höhenlagen über 2.500 Metern unterwegs und steigen zudem oft zu schnell auf oder werden per Hubschrauber abgesetzt, wobei sich der Körper nicht schnell genug an den Sauerstoffmangel und die Kälte anpassen kann. Tannheimer: „Ehrgeizige junge Männer sind besonders anfällig. Ein höhenkranker Soldat kann aber nicht mehr kämpfen, weshalb wir wie die Indische Armee mobile, beziehungsweise Großraum-Druckkammern brauchen, um unsere Leute vorzubereiten und zu therapieren.“
Bundesweit einheitliche Erfassung von Alpinunfällen in Österreich
Alpinunfälle werden in Österreich seit den 80er Jahren erhoben und seit 2005 bundesweit einheitlich von der Polizei per Intranet erfasst, wobei 72 Merkmale mit rund 2.400 Ausprägungen dokumentiert werden. Pro Winter sammeln sich in dieser Datenbank bis zu 60.000 Skiunfälle. „Da die Daten täglich durch die Polizei exportiert und nahezu lückenlos und bundesweit einheitlich erfasst werden, verfügen wir über stets aktuelles und statistisch sehr aussagekräftiges Material zur Unfallforschung, Prävention und für Medienanfragen“, erklärte Hanno Bilek vom Österreichischen Kuratorium für alpine Sicherheit. Leider, so die einhellige Meinung aller Experten, fehle in Deutschland ein vergleichbares bundesweit einheitliches System zur Datenerhebung trotz seiner Bedeutung für Unfallvermeidung und zur Optimierung der alpinen Sicherheit noch immer.
Problematische Norm zum Bau und Betrieb von Seilgärten
Hochseilgärten boomen und werden auch von Kindern und Jugendlichen unter anderem zu pädagogischen und therapeutischen Zwecken genutzt. Eine neue Europäische Norm legt nun den Bau und Betrieb der Anlagen fest und setzt nach einhelliger Ansicht der Alpin-Experten die Altersgrenzen bei Kindern von sechs bis zehn Jahren in Bezug auf Aufsichtspflicht und Eigenverantwortung als viel zu niedrig an. „Was soll man machen, wenn sich ein Kind mitten in der Übung acht Meter über dem Boden komplett aus seiner einem Klettersteigset ähnlichen Selbstsicherung aushängt? Aus der Ferne kann man nicht eingreifen. Die Europäische Norm fordert nur die Möglichkeit verbalen aufsichtlichen Eingreifens. Dies korrespondiert nicht mit deutschem Recht, widerspricht entwicklungspsychologischen Erkenntnissen und ignoriert sicherheitstechnische Notwendigkeiten bei Kindern, die erst ab acht Jahren eine Art Unfallmanagement mit dem notwendigen Gefahrenbewusstsein entwickeln. Viele schwere und tödliche Unfälle mit Kindern belegen den dringenden Handlungsbedarf, die Sicherheitsstandards anzuheben, damit nicht noch mehr passiert!“, mahnte mit deutlichen Worten Dr. Klaus Burger, Bergwacht-Regionalausbilder, stellvertretender Direktor des Laufener Amtsgerichts und erster Vorsitzender des Deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle unter breiter Zustimmung der Fachleute.
Die meisten Unfälle sind Wanderunfälle
Wandern ist die häufigste aber auch unfallträchtigste Sportart am Berg. „Gehen kann jeder, aber Bergwandern muss man lernen. Hauptursache für Notfälle ist die Erschöpfung, aus der das Stolpern, Stürze, die Unterkühlung und schlimme Unfälle resultieren. Die Menschen sind unvernünftig, lernen nicht aus Fehlern, überschätzen sich selbst und wagen sich unvorbereitet und ohne Erfahrung auf zu große Touren“, berichtete Bergwacht-Regionalarzt Dr. Werner Mährlein, der seit 25 Jahren als Notarzt tätig ist. Die Bergwanderer verirren sich, bekommen Atem- oder Kreislaufprobleme, schleppen oft zu schwere Rucksäcke auf die Gipfel und sind über-ausgerüstet, aber nicht in der Lage, ihr Equipment auch zu bedienen. Mährlein: „Ihnen fehlt oft der Bezug zu den alpinen Gefahren. Nicht jeder den der Berg ruft, sollte diesem Ruf auch sofort folgen!“ |