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22. Lawinenhundekurs: Retter auf vier Pfoten gehen mit Polizeihubschrauber „Edelweiß 8“ in die Luft

SCHNEIZLREUTH/OBERJETTENBERG (ml) – Ende Januar fand der mittlerweile 22. Lawinenhundekurs der Bergwacht-Region Chiemgau am Gebirgsübungsplatz der Bundeswehr auf dem Hochplateau der Reiter Alpe statt. Bei schönstem Winterwetter mit Sonnenschein und arktischen Temperaturen konnten Staffelleiter Stefan Strecker und sein Team eine Woche lang intensiv unter sehr realistischen Bedingungen die Verschütteten-Suche im Lawinenfeld üben, wobei am vorletzten Tag die Besatzung des Polizeihubschraubers „Edelweiß 8“ zu Besuch kam, um die Hunde an den Lärm und Abwind beim Lufttransport zu gewöhnen. Dass es bei ihrem Job um Leben und Tod geht, ahnen die Vierbeiner nicht, denn für sie ist die Suche nur ein triebgesteuertes Spiel. Erst nach rund drei Jahren, vielen Geduldsproben und hunderten Übungsstunden sind sie umfassend einsetzbar.

15 Suchhundeteams in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen
Bei einem echten Lawinenabgang mit Verschütteten zählt jede Minute, der Puls steigt schlagartig auf 180 und alles passiert innerhalb kürzester Zeit: Melden über Digitalfunk bei der Leitstelle, komplette Schutz- und Sicherheitsausrüstung anziehen und einpacken und geeigneten Landeplatz suchen. Der erste Hubschrauber holt das Suchhundeteam dann auf dem Anflug zum Lawinenkegel zu Hause, unterwegs oder am Arbeitsplatz ab und setzt esdirekt per Winde am Berg ab, wo Mensch und Tier zunächst auf sich allein gestellt sind, bis weitere Kräfte nachrücken.

Aktuell gehören 15 Teams zur Such- und Lawinenhundestaffel der Bergwacht-Region Chiemgau, die Mitglieder ihrer jeweiligen Bergwacht sind und als Spezialisten für Vermissten- und Verschütteten-Suchen Tag und Nacht das ganze Jahr über ehrenamtlich trainieren und für Ernstfälle bereitstehen: Stefan Strecker mit Zabo, Hannes Jahrstorfer mit Kenn und Jörg Riechelmann mit Enzo (alle drei Bad Reichenhall), Ralf Kaukewitsch mit Lilly, Kurt Becker mit Askan und Thomas Pöpperl mit Buddy (alle drei Berchtesgaden), Ernst Bresina mit Lup (Bergen), Achim Tegethoff mit Cira und Jürgen Triebler mit Layla (beide Marquartstein), Martin Wagner mit Chica (Marktschellenberg), Michael Partholl mit Kantos (Ramsau), Hansjörg Gstatter mit Maya, Korbinian Conway mit Lana und Sebastian Steinbacher mit Fantos (alle drei Ruhpolding) und Hannes Hörterer mit Ferry (Schleching). Die Ausbildung eines Lawinenhunds dauert in der Regel drei Jahre. Fantos und Lana sind Junghunde und absolvierten im Januar 2017 den A-Lehrgang für Anfänger; die restlichen Hunde sind mit Abschluss des Kurses voll ausgebildete C-Hunde. Mit dabei waren auch zum organisations- und grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch drei Suchhundeteams der Südtiroler Bergrettung und in den Vorjahren immer wieder auch Hundeführer der Alpinen Einsatzgruppe (AEG) des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd.

Vierbeiner lernen fliegen
Für den A-Lehrgang standen wie üblich die Grundaufgaben für den späteren Arbeitsalltag auf dem Programm:  Neben der eigentlichen Sucharbeit im Schnee lernten die Hunde die grundlegenden Abläufe, die sie auch später als Lawinenhund erleben, wie beispielsweise die Mitfahrt auf motorisierten Pistengeräten oder der Mitflug im Hubschrauber. Diese ungewohnten und für den Hund zunächst wegen Lautstärke und Wind unangenehmen Transportmittel unter stressfreien Bedingungen kennenzulernen, ist besonders wichtig. „Wenn wir Hundeführer den Tieren vermitteln können, dass ihnen dabei nichts passiert, haben sie auch bei echten Einsätzen keine Angst mehr, lassen sich nicht ablenken und sind voll auf die Aufgabe fixiert“, erklärt der erfahrende Ramsauer Hunde-Ausbilder Michael Partholl. „Daher gilt unser besonderer Dank der Besatzung von „Edelweiß 8“, die trotz abschnittsweise schwieriger Sichtflug-Bedingungen mit Inversionsnebel vom Münchner Flughafen zu unserer Übung gekommen ist“, lobt Strecker.

Damit sich die Vierbeiner an das tosende Ungetüm gewöhnen und bei Einsätzen nicht zappeln, flüchten oder gar wild herumspringen, werden schon Junghunde bei Gewöhnungsflügen mit dem Stressfaktor Hubschrauber konfrontiert: Ein- und Aussteigen bei laufendem Rotor und Absetzen mit der Rettungswinde im Gelände stehen auf dem Programm. Entgegen aller Erwartungen sind viele Hunde ganz brav, lassen sich in die Maschine heben oder springen sogar selbst hinein. „Irgendwann weiß der Hund dann, dass wenn der Hubschrauber kommt, gleich sein Suchspiel losgeht und er gefordert wird; das liebt er“, berichtet Strecker. Während Fantos und Lana lernen, den Abwind der Rotoren zu tolerieren und bei laufendem Triebwerk mit viel Zuwendung und Streicheleinheiten ihrer Herrchen einzusteigen, werden die souveränen C-Hunde mit ihren Führern aufgenommen und per Fluggeschirr und Rettungswinde am Schneefeld abgesetzt – im steilen Gelände, wo der Hubschrauber nicht landen kann, die einzige Möglichkeit, rasch direkt an den Einsatzort zu gelangen – vorausgesetzt, das Wetter spielt  mit und ermöglicht den Piloten eine freie Sicht. Die Tiere tragen dabei einen Maulkorb, damit sie in der engen Kabine auch bei einer unvorhersehbaren Stressreaktion niemanden ernsthaft verletzten können. Die Kommunikation über den neuen Digitalfunk klappt störungsfrei und beugt Unfällen beim Windeneinsatz vor, der unter anderem auch wegen der mitgeführten zusätzlichen Ausrüstung wie Skier, Lawinenrucksack und Notfall-Set allen Beteiligten vollste Konzentration abverlangt – lose Gegenstände oder die Skier könnten durch Unachtsamkeit in den Rotorkreis gelangen oder böse Schnittverletzungen verursachen. Für die Piloten stellt vor allem der aufgewirbelte Schnee bei Start und Landung eine besondere Herausforderung dar, da sie ohne am Boden einweisende Einsatzkräfte als Referenzpunkt Gefahr laufen, die Orientierung zu verlieren und abzustürzen. Doch alles geht gut und auch die Hunde sind voll bei der Sache – das tägliche Training und die enge Beziehung zu ihren Herrchen wirken Wunder und trotzen jeder noch so großen Nervosität.

Von nichts ablenken lassen
In den Tagen zuvor wurden die 13 C-Hundeteams mühevoll mit verschiedenen Szenarien konfrontiert, die sie für die Zertifizierung meistern müssen: Für einen Einsatzhund ist es unter anderem zwingend erforderlich, mehrere Verschüttete, die auch komplex und sehr tief verschüttet sein können, zu finden und sich nicht mit dem ersten Sucherfolg allein zufrieden zu geben. Ausbilder Partholl und seine Helfer inszenierten auch mögliche Ablenkungen, wie einen zweiten oder dritten Hund und zusätzliche Einsatzkräfte wie Schaufel- oder Sondier-Trupps auf der Lawine, von denen sich der Hund nicht drausbringen lassen darf. „Bei allen geforderten Aufgaben überzeugten die Hunde mit ihren Führern durch einen sehr hohen Leistungsstand, der sich sehen lassen kann“, freut sich Strecker. Ein Lawinenhund ersetzt bei der Suche nach Verschütteten und Vermissten eine ganze Bergwacht-Mannschaft und sein Geruchsvermögen ist rund eine 50 mal besser wie das des Menschen: Nach wie vor ist der Einsatz von Hunden die effektivste Methode, um Lawinenopfer schnell und effektiv aufzuspüren. Auf der Lawine verweist der Hund durch Scharren im Schnee, bei der Flächensuche im Sommer zeigt er dem Hundeführer an, dass er etwas gewittert hat, indem er zurückkommt und sein Bringsel, das er immer um den Hals trägt, ins Maul nimmt. „Früher haben wir die Hunde so ausgebildet, dass sie durch Verbellen einen Fund anzeigen“, erinnert sich Strecker. Da die Vierbeiner dadurch aber auch teilweise aggressiv werden, den Patienten einschüchtern und ihm Angst machen, wird mittlerweile nur noch mit dem Bringsel gearbeitet. Bei der rund dreijährigen Ausbildung zum Lawinen- und Suchhund wird vor allem der Spieltrieb der Tiere genutzt. „Wir trainieren nicht den angeborenen Geruchsinn der Hunde. Wir bringen ihnen nur bei, dass sie die gestellten Aufgaben wesentlich einfacher lösen, wenn sie ihre Nase einsetzen“, erklärt Strecker, dessen Schäferhundrüde  Zabo mittlerweile als voll ausgebildeter C-Hund zertifiziert ist.

Die Ausbildung, ein Geduldspiel
Neben jeweils einer Woche Sommer- und Winterlehrgang pro Jahr finden monatlich größere Übungen und Motivations- und Unterordnungstraining statt. Zusätzlich nimmt der Hundeführer in seiner jeweiligen Bergwacht-Bereitschaft an weiteren Übungen teil und trainiert nahezu täglich auch privat zu Hause mit seinem Vierbeiner die eingespielten Abläufe. Ein Lawinenhund kostet unzählige Stunden für Ausbildung und Übung und einige tausend Euro Unterhalt für Futter, Tierarzt und Einsatzausrüstung. Deshalb ist es für den Hundeführer das Größte, wenn sein Tier einen Einsatz erfolgreich meistert.C-Hunde wie Zabo oder Enzo arbeiten flink und effektiv, lassen auf der Lawine Apparate wie Radar- oder Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte (LVS) hinter sich; aber nicht jeder Hund taugt zum Suchhund: Chefausbilder Partholl schätzt die Tiere mit viel Ruhe und Erfahrung ein und testet sie ganz individuell mit verschiedenen Methoden. „Er liest jeden Hund anders“, berichtet Strecker. Das Tier braucht eine große Stressresistenz, muss aufs Wort gehorchen und körperlich absolut fit sein. Die Ausbildung der Hunde ist zeitintensiv, fordert viel Geduld, ist eigentlich nur etwas für echte Fanaten und nicht immer von Erfolg gekrönt. Nicht jedes Tier ist geeignet, und frühestens nach drei Jahren sind Hund und Herrchen fit genug für echte Einsätze – fünf Jahre später fallen die ersten Tiere bereits alters- und gesundheitsbedingt wieder aus. Viel Arbeit und Aufwand für eine kurze Zeit, in der der Vierbeiner nur mit viel Glück einen Verschütteten oder Vermissten lebend findet.

Am Abend büffeln
Am Abend, wenn die Hunde in der Wartsteinhütte schlafen, ist für ihre Herrchen im Lenzenkaser nicht nur Gemütlichkeit angesagt: Theoretisch und praktisch werden Themen aus Notfallmedizin, Einsatztaktik und Alpinismus behandelt – denn der Hundeführer ist zunächst alleine auf der Lawine und muss im Zweifelsfall fast alles können. Als Besucher waren heuer erstmals auch drei Hundeführer der Bergrettung Südtirol mit im Ausbildungscamp dabei, um Erfahrungen auszutauschen. „Sie beteiligten sich ohne lange Umschweife an der Arbeit und gingen motiviert an die Sache. Erfreulicherweise läuft die Ausbildung dort auch nicht anders ab, als bei uns und die Einsatzgrundsätze sind die gleichen“, berichtet Strecker.

Nicht nur die gute Absicht zählt
„Immer wieder rufen Hundebesitzer bei uns im Büro an, die mit ihrem Vierbeiner etwas Sinnvolles machen wollen. Das ist gut gemeint, aber nicht so einfach, denn Lawinenhundeführer kann bei uns nur werden, wer die komplette, anspruchsvolle Bergwacht-Grundausbildung durchlaufen hat“, weiß Regionalgeschäftsführer Ludwig Lang. Nicht ohne Grund, denn ein Lawineneinsatz ist bedingt durch Gelände, Zeitdruck und mögliche Nachlawinen mitunter das Schwierigste und Gefährlichste, was der Bergwachtdienst zu bieten hat. Der Hundeführer kommt in der Regel mit dem Hubschrauber als erster am Lawinenkegel an, muss als Einsatzleiter sofort die richtigen Entscheidungen treffen, einige Zeit alleine klarkommen und gegebenenfalls durch schwieriges Gelände abfahren.

Jede Minute zählt
Der Faktor Zeit spielt bei der Lawinenrettung die größte Rolle: Etwa sieben Prozent der Verschütteten sind bereits beim Stillstand einer Lawine aufgrund ihrer schweren Verletzungen tot, bedingt durch Absturz oder die Wucht des Schnees. Auch mit vorhandener Atemhöhle ist nach einer halben Stunde etwa die Hälfte aller Lawinenopfer wegen Sauerstoffmangel tot; ohne Atemhöhle versterben 50 Prozent bereits nach 15 bis 20 Minuten. Nach einer dreiviertel Stunde sind statistisch betrachtet 75 Prozent der Verschütteten erstickt. Neben der schnellen Kameradenhilfe und gekonntem Umgang der Ersthelfer mit Notfall-Ausrüstung wie LVS-Gerät, Sonde und Schaufel ist vor allem entscheidend, dass die Suchhundeteams möglichst rasch zum Einsatzort gelangen – bei Flugwetter per Hubschrauber, ansonsten mit dem Motorschlitten, per Seilbahn, mit der Pistenraupe oder wenn es nicht anders geht auch zu Fuß. Strecker dankte abschließend der Gebirgsjägerbrigade 23 und der Wehrtechnischen Dienststelle 52 für die Unterbringung im Lenzenkaser und für den Transport per Seilbahn auf das Hochplateau.