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Rot-Kreuz-Fahrzeuge sind häufig in Unfälle verwickelt – der Grund liegt vor allem im Fehlverhalten der anderen Fahrer

BERCHTESGADENER LAND - Mit Blaulicht und Sirene rauscht ein Notarztwagen in die Kreuzung. Gleichzeitig kommt ein 28-Jähriger auf der Vorfahrtsstraße. Eine Kollision lässt sich nicht mehr vermeiden.  Beide Fahrer und eine junge Notärztin werden verletzt. Solche Unfälle wie am vergangenen Sonntagabend in Garching (Landkreis Altötting) passieren  häufig. Obwohl keine Behörde in Deutschland  explizit über Unfälle mit Rettungswagen Buch führt, zeigt eine  Auswertung des  „Stern“ für 2016 und 2017: bundesweit kracht es offenbar alle paar Tage – oft, weil Autofahrer nicht wissen, wie sie sich im Ernstfall richtig verhalten müssen.

Im Berchtesgadener Land ist das Bayerische Rote Kreuz (BRK) seit vielen Jahren vor schweren Verkehrsunfällen mit einem Einsatzfahrzeug verschont geblieben, sagt Pressesprecher Markus Leitner auf Nachfrage der Heimatzeitung. Lediglich kleine Blechschäden wie Spiegelstreifer gebe es hin und wieder zu verzeichnen. Und dennoch: „Generell sind Blaulicht-Fahrten während der letzten Jahre durch das ansteigende Verkehrsaufkommen und mehr Staus schwieriger und auch gefährlicher geworden“, betont der Fahrdienstleiter.

Damit die Hilfe möglichst rasch und überall bei den Menschen ankommt, setzt das BRK im Landkreis über 100 Fahrzeuge ein, die 2016 gut 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt haben – inklusive Leistungen wie ambulanter Pflegedienst oder „Essen auf Rädern“. Auf die 16 Fahrzeuge des regulären Rettungsdienstes und Krankentransports, die an den Wachen in Bad Reichenhall, Berchtesgaden, Freilassing und Teisendorf stationiert sind, entfällt über die Hälfte dieser Wegstrecke. „Das entspricht fast 19 Erdumrundungen und bedeutet einen Schnitt von gut 31 Kilometern pro Einsatz“, will Markus Leitner  die Dimensionen verdeutlichen.

Um bei dieser enormen Strecke die Risiken minimieren zu können, trainieren die BRK-Mitarbeiter  in Zusammenarbeit mit der Kreisverkehrswacht und Fahrschulen regelmäßig für gefährliche Situationen im Straßenverkehr. Die geringe Unfall-Statistik mit Krankenwagen im Berchtesgadener Land zeigt, dass sich dieses Engagement für das Rote Kreuz  – und vor allem für die Patienten – lohnt.

Denn für diese ist es besonders wichtig, dass die Einsatzkräfte möglichst ohne Behinderungen schnell und sicher am Notfallort ankommen. Nur so können die Retter ohne große vorherige Stress-Belastung mit der Patienten-Versorgung beginnen. „Das ist vor allem entscheidend, wenn es bei bestimmten lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Unfällen wirklich auf jede Minute ankommt“, betont Leitner. Er baut hier in erster Linie auf  die Kooperation mit den anderen Verkehrsteilnehmern. „Sie können durch ihr richtiges Verhalten helfen, damit unsere Retter auf der Anfahrt nicht unnötig Zeit und Nerven verlieren.“

Ein Unfall mit einem Rettungswagen wirft vor allem eine Frage auf: Wer haftet überhaupt dafür? Auch beim Unfall in Garching war laut Polizei die Schuldfrage zunächst unklar. Geklärt wird sie nach Auskunft von Markus Leitner in der Regel von Fall zu Fall vor Gericht.  Hintergrund ist, dass ein Einsatzfahrzeug im Notfall Sonderrechte in Anspruch nehmen kann, der Fahrer allerdings „ein besonderes Maß der Vorsicht“ walten lassen muss. Ist der Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs, gilt für ihn auch ein Wegerecht – beispielsweise auf einer Kreuzung bei roter Ampel.

Damit begründet Leitner, weshalb die Ehrenamtlichen auch nachts häufig mit Sirene unterwegs sind: „Wir wollen keinen aufwecken und machen das auch nicht zum Spaß, sondern da geht es oft auch um Haftungsfragen“, erklärt der Pressesprecher. „Wenn der Fahrer auf leerer Straße darauf verzichtet  und es fährt genau in diesem Moment ein Auto bei einer Rechts-vor-links-Regelung raus, wirkt sich das natürlich negativ aus.“ Dann könne dem Einsatzfahrer möglicherweise eine „grobe Fahrlässigkeit“ nachgewiesen werden.

Wie verhalte ich mich als Autofahrer richtig?

„Für die Einsatzkräfte des Roten Kreuzes ist es besonders wichtig, dass sie möglichst ohne Behinderungen, rasch und sicher am Notfallort ankommen, damit sie ohne große vorherige Stress-Belastung mit der Patienten-Versorgung beginnen können – vor allem wenn es bei bestimmten lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Unfällen wirklich auf jede Minute ankommt.Andere Verkehrsteilnehmer können durch ihr richtiges Verhalten helfen, damit unsere Retter auf der Anfahrt nicht unnötig Zeit und Nerven verlieren: Wenn ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn hinter einem auftaucht, sollte man nicht in Panik verfallen, ruhig bleiben, den Blinker setzen, die Geschwindigkeit verringern, rechts zur Seite fahren, aber auf keinen Fall abrupt und unvorhersehbar abbremsen. Auch der Gegenverkehr sollte möglichst weit rechts fahren, den Blinker setzen und so in der Mitte freie Bahn für das Einsatzfahrzeug schaffen. Man sollte auf keinen Fall vor oder nach Engstellen wie Verkehrsinseln stehen bleiben und immer ausreichend Platz lassen; für den Fahrer des Einsatzfahrzeugs ist es wichtig, dass er die Situation zu jeder Zeit möglichst gut einschätzen kann, und durch geringe Geschwindigkeit und Blinker vorhersehbar ist, wie alle anderen reagieren. An Kreuzungen mit roten Ampeln weicht das Einsatzfahrzeug dann auch auf die Gegenspur aus, wenn alle anderen stehen bleiben. Oft nehmen Autofahrer ein Einsatzfahrzeug erst im letzten Moment wahr, weil im Fahrzeuginnern eine gewisse Wohnzimmer-Atmosphäre mit vielen Ablenkungen herrscht – das können ein sehr lautes Radio, Mitfahrer oder auch Handys sein. Fatal ist, wenn andere Verkehrsteilnehmer im Stau plötzlich wenden oder Einsatzfahrzeuge benutzen, um schneller voranzukommen, also vor dem Fahrzeug einfach Gas geben und nicht zur Seite fahren oder sich an einen Rettungswagen dranhängen – sie provozieren damit Unfälle, da andere nicht mit so einem Verhalten rechnen. Generell sollte man im Straßenverkehr permanent auch in die Seiten- und Rückspiegel schauen, um herannahende Einsatzfahrzeuge nicht erst im letzten Moment zu bemerken – dann erschrickt man und reagiert ziemlich sicher falsch, beispielsweise mit einer Vollbremsung oder einem Ausweichmanöver in den Straßengraben. Stockt der Verkehr, wie regelmäßig zum Feierabend auf der Reichenhaller Umgehungsstraße, sollten alle Verkehrsteilnehmer generell schon so weit wie möglich rechts fahren und damit in der Mitte präventiv eine Rettungsgasse bilden, falls ein Einsatzfahrzeug durch muss“, erklärt BRK-Pressesprecher Markus Leitner.

Generell sind Blaulicht-Fahrten während der letzten Jahre durch das ansteigende Verkehrsaufkommen und mehr Staus schwieriger und auch gefährlicher geworden. Die Mitarbeiter des Roten Kreuzes trainieren in Zusammenarbeit mit der Kreisverkehrswacht und Fahrschulen immer wieder für gefährliche Situationen im Straßenverkehr, können aber trotz aller Fahrpraxis die Gefahren nur minimieren. Die Strategie macht sich dennoch bezahlt, da seit vielen Jahren kein schwererer Verkehrsunfall mit einem Einsatzfahrzeug mehr passiert ist – lediglich kleine Sachschäden wie Blechschäden, Spiegelstreifer oder Anfahrschäden. Damit die Hilfe möglichst rasch und überall bei den Menschen ankommt, sind allein im Berchtesgadener Land über 100 Rotkreuz-Fahrzeuge unterwegs, die 2016 rund 1,5 Millionen Kilometer zurückgelegt haben: Im ambulanten Pflegedienst, bei Essen auf Rädern und Hausnotruf, im Betreuten Fahrdienst, im Rettungsdienst und Krankentransport, im Berg- und Wasserrettungsdienst, bei den BRK-Bereitschaften mit ihrem Sanitäts- und Betreuungsdienst und im Katastrophenschutz.  Die 16 Fahrzeuge des regulären Rettungsdienstes und Krankentransports sind an den Wachen in Bad Reichenhall, Berchtesgaden, Freilassing und Teisendorf stationiert – mittlerweile verfügen alle über Allrad-Antrieb. Sie legten 2016  754.967 Kilometer zurück; rund 3,8 Prozent mehr als 2015. Diese Zahl entspricht fast 19 Erdumrundungen und bedeutet einen Schnitt von gut 31 Kilometern pro Einsatz (2015: 30).