Canyon-Rettung


Rettung aus wasserführenden Schluchten und Klammen



Eine Rettungsgruppe mit Einsatzkräften der Berg- und Wasserwacht

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Patiententransport unter extremen Bedingungen


Abseilstrecke


Die Abläufe einer Rettungsaktion müssen regelmäßig trainiert werden

Die Canyon-Rettungsgruppe (CRG) der Bergwacht-Region Chiemgau besteht seit dem Jahr 2000 und setzt sich aus ehrenamtlichen und wassertauglichen Einsatzkräften der Bergwacht und der Wasserwacht zusammen, die Fachwissen aus der Berg- und Wasserrettung mitbringen und für die besonderen Anforderungen bei Notfällen in Gebirgsbächen speziell geschult wurden.

Neue Trendsportarten
Die neuen Trendsportarten haben auch vor der Bergwacht-Region Chiemgau als Freizeit- und Erholungsraum nicht Halt gemacht. Neben dem Rafting (Schlauchbootfahren) auf den Wildwasserabschnitten der aus dem Salzburger Pinzgau kommenden Saalach werden auch Schluchten und Klammen begangen, wobei die ursprünglich aus Frankreich und Spanien stammende Extremsportart unter dem Begriff „Canyoning“ bekannt wurde. Im gesamten Alpenraum gibt es ungefähr 300 Schluchten aller Schwierigkeitsgrade, von denen zehn Prozent regelmäßig von Gruppen begangen werden.

Gefahren durch Hindernisse im Wasser
Beim Canyoning bewegt sich der so genannte Canyonist abwärts kletternd, zum Teil über Seilstrecken, mit bis zu 15 Meter tiefen Sprüngen, schwimmend, zu Fuß watend oder flach rutschend durch das Fließgewässer, wobei vor allem beim Rutschen und Springen Hindernisse im Wasser schnell zu Verletzungen führen können. Gerade beim Springen ist es unabdingbar, dass die jeweiligen Gumpen und Becken zuvor erkundet und ausgetaucht werden, um Verletzungen durch unter Wasser liegendes Holz oder Felsbrocken, die eventuell bei einem Unwetter eingespült wurden, zu vermeiden.

Die meisten Verletzungen beim Canyoning sind Verstauchungen, Luxationen oder Brüche, die durch Stolpern und Stürze hervorgerufen werden. Allerdings gab es schon schwerere Unfälle, da von Sportlern keine Rücksicht auf schlechtes Wetter und die damit veränderten Bedingungen mit einem höheren Wasserstand in der Schlucht genommen wurde.

Regelmäßiges Training
Die Abläufe einer Rettungsaktion müssen regelmäßig trainiert werden, um auch die Sicherheit der Einsatzkräfte zu gewährleisten. Jeder Handgriff und jeder Schritt muss passen, damit die Helfer in der Schlucht kontrolliert unterwegs sind, nicht ausrutschen oder gar von den Wassermassen mitgerissen werden. Da neben verunglückten Canyonisten auch immer wieder abgestürzte Wanderer gerettet werden müssen, ist es zwingend notwenig, dass die Einsatzkräfte auch in ansonsten aus Naturschutzgründen gesperrten Klammen üben und ihre Ortskenntnisse erweitern können.


Beim Canyoning liegt der Reiz in der Kombination aus Klettern und Schwimmen



Mit der mobilen und schnell aufgebauten Kong-Winde ist es möglich, die Retter auch an sehr schlecht zugänglichen Stellen relativ sicher zu einem Patienten in einer Klamm abzuliften


Trage mit Schwimmkragen


Bergwacht und Wasserwacht arbeiten Hand in Hand zusammen


Schwimmen im Wildwasser

Reißende Strömung und rutschige Felsen
Der Canyoning-Sport birgt aufgrund der reißenden Strömung und rutschiger Felsen mehr Gefahren als andere Sportarten im schwierigen Gelände. Unfälle lassen sich auf Unerfahrenheit, Leichtsinnigkeit und Selbstüberschätzung zurückführen.
Das Hautproblem bei der Rettung von Verunfallten aus wasserführenden Schluchten liegt im Zusammenspiel von Verletzung, Kälte, Nässe, eingeschränkter Funk-Kommunikation und der erschwerten Erreichbarkeit der Einsatzstelle, was neben der ständigen Fortbildung und Übung die Vorhaltung von speziellem Rettungsgerät und persönlichem Equipment der Helfer notwendig macht.

Klare Aufgabenverteilung
Eine Canyon-Rettungsgruppe gliedert sich, je nach Einsatzerfordernissen, in eine Spitzen-, eine Rettungs- und eine Unterstützungsgruppe, und gegebenenfalls weitere unterstützende Gruppen, wie zum Beispiel Rettungstaucher, Hubschrauber oder Gruppen zur Einrichtung von Funkrelaisstationen bei schlechten Kommunikationsbedingungen.

Die zwei bis vier Mann starke Spitzengruppe hat die Aufgabe, mit Abseilstrecken und Seilsicherungen schnell einen gesicherten Zugang zum Verletzten einzurichten und eine kurze Erstversorgung durchzuführen.

Die Rettungsgruppe führt eine erweiterte Patientenversorgung durch und leitet den Transport aus der Schlucht ein, wobei spezielles Gerät wie eine Kong-Winde oder eine schwimmfähige Trage vom Typ „UT 2000“ zur Verfügung stehen, die mit einem Vakuumbett für Wirbelsäulenverletzungen ausgestattet ist und an Winde oder Rettungstau luftverlastet werden kann.

Die Unterstützungsgruppe ist für den Nachschub von zusätzlich benötigtem Material verantwortlich. Obwohl alle Canyon-Retter auch ausgebildete Luftretter sind, wird der Hubschraubereinsatz mit Winde oder Tau oft von schlechtem Wetter oder schwierigem Gelände eingeschränkt.

Schwimmen im Wildwasser
Die beste Übersicht ergibt sich beim passiven Schwimmen, wobei sich der Canyon-Retter auf dem Rücken mit den Füßen voraus in Strömungsrichtung treiben lässt und so durch seinen geringen Tiefgang und die Möglichkeit, sich mit den Füßen abzustoßen, einer erhöhten Verletzungsgefahr durch Hindernisse ausweicht. Im Wasser liegende Baumstämme müssen aktiv angeschwommen und überklettert werden, da sonst die Gefahr besteht, dass der Retter durch die Strömung unter den Stamm gezogen wird und sich an den Ästen verheddert. Eine große psychische Belastung ergibt sich durch so genannte Walzen, bei denen der Schwimmer durch die Strömung versenkt und im Schussstrahl wieder ausgespuckt wird. Ruhe bewahren kann man erst nach viel Übung und Training. Unterschätzt wird oft auch die Tiefe von Gumpen beim Springen, denn innerhalb kürzester Zeit (z. B. nach einem Unwetter) kann sich der Wasserstand in einer Schlucht oder Klamm ändern, so dass immer unterschiedliche Voraussetzungen gegeben sind.

Das Schwimmen im Wildwasser stellt Retter und Sportler vor besondere Anforderungen, da eine Verdoppelung der Fließgeschwindigkeit eine Vervierfachung der Wasserkraft bedeutet, was oftmals unterschätzt wird. Beim aktiven Schwimmen wird das Gewässer mit Leinensicherung im 45-Grad-Winkel durchquert, damit die Einsatzkräfte nicht zu stark abdriften.


Einsatz mit Extremen: steiler Fels und eiskaltes Wasser



Nach Möglichkeit werden die Canyon-Retter per Hubschrauber zur Einsatzstelle geflogen


Retter werden per Winde in der Schlucht abgesetzt


Kong-Winde im Einsatz


Trage mit Schwimmkragen


Abseilstrecke

Beste Aus- und Fortbildung
Die Rettungsgruppe setzt sich aus Spezialisten der regionalen Bergwacht-Bereitschaften und der Kreis-Wasserwacht Berchtesgadener Land zusammen, deren Aufgabe die Rettung und Bergung von Verunfallten aus wasserführenden Schluchten ist. Mehrmals im Jahr werden Fortbildungstouren in den heimischen Schluchten durchgeführt und mögliche Gefahren- und Ein- und Ausstiegsstellen in selbst gezeichneten Karten, so genannten Topos, dokumentiert. Zweck ist die lückenlose grafische Erfassung der Schluchten und Klammen sowie die Verbesserung der Ortskenntnisse, um bei Einsätzen optimal agieren zu können. Die Einsatzleitung liegt immer bei der Bergwacht, da Canyoning-Unfälle als Bergunfälle alarmiert werden und der zuständige Bergwacht-Einsatzleiter entscheidet, ob die Canyoning-Gruppe nachalarmiert wird.

Zur Ausbildung der Helfer wurde ein völlig neues Programm mit Inhalten aus Berg- und Wasserrettung zusammengestellt. Regelmäßig nehmen Ehrenamtliche auch an Fortbildungen des internationalen Berufsbergführerverbandes (IVBV) teil, um auf hohem Niveau ihr persönliches Können zu erweitern. Bei den Schulungen werden die international gültigen Standards in der Sicherungstechnik und neue Canyon-Rettungstechniken vermittelt.

Alarmierung und Ausrüstung
Die zuständige Leitstelle alarmiert die CRG im Einsatzfall über eine eigene Schleife per Funkmeldeempfänger. Zur persönlichen Ausrüstung der Helfer gehören ein Neopren-Anzug mit Kapuze, spezielle Canyoning-Schuhe, ein Steinschlaghelm (Kletterhelm), Neoprenfüßlinge, ein Anseil- oder Sitzgurt, ein Messer beziehungsweise eine Ambossschere, ein Rucksack, eine wasserdichte Verpackung für die Ausrüstung, eine Stirnlampe, Statikseile in unterschiedlichen Längen, Karabiner, eine Selbstsicherungsschlinge, Seilklemmen, ein Abseilachter, Bohrgerät mit Hammer und eine Taucherbrille. Zusätzlich werden von der Gruppe wasserdichte Funkgerätetaschen, ein Statikseil-Bergesatz, eine Statikseil-Kong-Winde, eine Umlenkwinde, Riggingplatten, eine Tyromont-Gebirgstrage mit Schwimmhilfe oder eine leicht teilbare „UT-2000 Trage“ mit Schwimmkragen und bei Bedarf eine Tauchausrüstung zur Suche in tiefen Gumpen mitgeführt.

Erste organisierte Canyon-Rettungsgruppe in Bayern
Ein kombiniertes Team aus Berg- und Wasserwacht ist in der Bundesrepublik derzeit einmalig. Vom ersten Canyon-Einsatz wurde man regelrecht überrascht, woraufhin im August 1998 eine gemeinsame Einsatzübung im Bereich der Reiter Alpe durchgeführt wurde, um das Aufgabenspektrum auszuloten. Es sollte noch bis zum Jahr 2000 und etliche Ausbildungsstunden dauern, bis die erste gemeinsame Canyon-Rettungsgruppe aus Berg- und Wasserwacht-Helfern in Bayern einsatzklar war. Anlass für die Gründung war ein tödlicher Canyon-Unfall in der Weißbachschlucht bei Marktschellenberg.

Schluchten und Klammen im Einsatzgebiet:

Der Weißbach ist ein größerer Bach in der Gemeinde Schneizlreuth in Bayern. Er entspringt im Naturschutzgebiet Östliche Chiemgauer Alpen nordöstlich des Sonntagshorns und verläuft ab kurz vor dem Ortsteil Weißbach parallel zur Bundesstraße B305. Nach dem Ortsteil Weißbach verengt sich der Bachlauf zu einer Klamm, der Weißbachschlucht, ein beliebtes Wanderziel. Zahlreiche Nebenbäche fließen vom Ristfeuchthorn in den Weißbach, insbesondere im Frühjahr während der Schneeschmelze. Im Ortsteil Schneizlreuth mündet er in die Saalach.

Die Wimbachklamm ist eine sich rund 200 Meter erstreckende, vom Wildbach Wimbach eingeschnittene Klamm in Ramsau bei Berchtesgaden am sich verengenden Ausgang des Wimbachtales im Nationalpark Berchtesgaden.

Der erste Steg durch die Wimbachklamm wurde von Ramsauer Holzknechten zur Holztrift für die Saline angelegt. Nachdem 1843 die Trift eingestellt wurde, können seit 1847 Touristen die Klamm besichtigen bzw. auf weitergehenden Wanderungen als sehenswerte Etappe mitnutzen.

Die rund drei Kilometer lange Almbachklamm bei Marktschellenberg beginnt an der Kugelmühle gehört zu den schönsten und wenigen noch erhaltenen,
wildromantischen Schluchten in den Bayerischen Alpen. Zur Gangbarmachung der Klamm wurden 29 Brücken und Stege errichtet, 320 steinerne Stufen und ein kleiner Tunnel in den Fels gesprengt.

Der Wappach bei Bayerisch Gmain im Lattengebirge.



Abseilstelle im Wappach



Die Retter müssen Abseilstellen mit Seilstrecken neu versichern


Hauptziel ist es, den Verletzten möglichst schnell aus der Schlucht zu bringen


Trotz der Transportpriorität des Patienten steht die Sicherheit der Retter und des Verletzten an oberster Stelle

Beispielhafter Ablauf einer Canyon-Rettung

Der Anmarsch der Rettungskräfte zur Einsatzstelle ist bedingt durch das Gelände sehr zeitintensiv, was Bergwacht und Wasserwacht hinsichtlich Ausrüstung und körperlicher Belastung voll fordert. Im Ernstfall wird eine so genannte Schnelle Spitzengruppe mit mindestens einem Sanitäter in die Schlucht geschickt. Die Retter müssen Abseilstellen mit Seilstrecken neu versichern, ein Seilgeländer unter Einsatz einer Bohrmaschine verankern und den Verletzten medizinisch erstversorgen.

Zwischenzeitlich baut die nachrückende Rettungsgruppe eine schwimmfähige Trage mit Auftriebskörpern zusammen und bringt weitere Rettungsausrüstung zur Unfallstelle. Nachdem der Verletzte medizinisch versorgt und mit einer Wärmepackung gegen das weitere Auskühlen gesichert ist, bereitet die Spitzengruppe den Abtransport vor, wobei zum Teil Anker für eine Seilbahn und Abseilstellen gesetzt werden müssen. Hauptziel ist es, den Verletzten möglichst schnell aus der Schlucht zu bringen, wobei der Begriff „schnell“ bei Canyon-Einsätzen relativ ist. Trotz der Transportpriorität des Patienten steht die Sicherheit der Retter und des Verletzten an oberster Stelle. Da besonders vorsichtig und vorausschauend gearbeitet werden muss, dauert ein Einsatz im schwierigen Gelände manchmal auch mehrere Stunden.


Zwischenzeitlich baut die nachrückende Rettungsgruppe eine schwimmfähige Trage mit Auftriebskörpern zusammen und bringt weitere Rettungsausrüstung zur Unfallstelle



Die Rettungsgruppe setzt sich aus Spezialisten der regionalen Bergwacht-Bereitschaften und der Kreis-Wasserwacht Berchtesgadener Land zusammen, deren Aufgabe die Rettung und Bergung von Verunfallten aus wasserführenden Schluchten ist



Trotz der Transportpriorität des Patienten steht die Sicherheit der Retter und des Verletzten an oberster Stelle